Lukas
Eines Tages hatte ich einmal einen fürchterlichen Streit mit Lukas.
Lukas war der erste Mann, der wieder in mein Leben trat, nachdem meine Beziehung mit Sven in die Brüche gegangen war. Lukas war ein, in meinen Augen, wunderschöner Mann, er war schon etwas älter, mit graumelierten Haaren, die, wie ich fand, seine Augenfarbe schön unterstrichen. Wenn er lächelte, dann bildeten sich tiefe Lachfalten, ich genoß jeden Moment mit ihm.
Seine Dominanz war wesentlich augeprägter als die von Sven es gewesen war. Normalerweise reichte mir ein Blick von ihm, um sofort zu verstummen – und sei ich noch so wütend. Ich kann es gar nicht erklären, manchmal bekomme ich meinen „Rappel“, wie Lukas das jeweils nennt. Ich bin an diesen Tagen unausstehlich und mag mich für gewöhnlich selbst nicht. Ich weine dann sehr schnell, werde übermäßig laut und eigentlich ist es egal, was man dann zu mir sagt, ich höre, sehe und verstehe jeweils die schlimmste aller Varianten. Manchmal trete ich vor Wut gegen eine Wand, schmeisse Kissen und Taschentuchpackungen durch die Gegend und knalle Türen. Wenn Lukas nicht dabei ist, dann kann ich mich ungefiltert austoben. Ist er aber dabei, so ist spätestens beim Knallen der Tür Schluß mit meinem Ausbruch – weil er mich meist wortlos am Handgelenk packt, mir eine oder zwei Ohrfeigen gibt, mich übers Knie beugt und Hand oder Kochlöffel nutzt, bis ich friedlich werde.
Als er das zum ersten Mal gemacht hat, habe ich es gehasst, ich habe ihn gehasst und ihm das lautstark hinterher entgegen gebrüllt – er hat jede Reaktion zugelassen, hat mich abwechselnd schreien und weinen und kreischen lassen und mich, als ich mich allmählich beruhigt hatte, noch einmal versohlt, diesmal mit einem Rohrstock. Danach war ich ungewöhnlich glücklich. Ich fühlte mich sicher und gut aufgehoben …. geborgen.
Jedenfalls bekomme ich meinen „Rappel“ im Schnitt etwa alle drei bis vier Wochen. In den Wochen dazwischen bin ich ausgeglichen und fröhlich, lache viel mit Lukas, unternehme viel mit ihm – er ist sehr zärtlich und sehr phantasievoll, es vergeht kaum ein Tag, an dem er sich nichts neues für uns beide ausdenkt. Aber nach einigen Wochen fange ich wieder an, zu weinen. Ich bin übel gelaunt, der Haushalt bleibt liegen und ich möchte mich verkriechen und nicht angesprochen sein – wenn ich angesprochen werde, dann endet es meist mit dem Türenschmeissen….
Aber an diesem speziellen Tag, den ich meine, an diesem Tag damals war es mehr als ein „Rappel“. Ich war so unglaublich wütend auf Lukas. Er hatte mir allen ernstes verboten, mich mit einer Freundin zu treffen, weil ich den Haushalt nicht so erledigt hatte, wie er es gerne hätte und ich wurde ziemlich laut. Er sah mich an, er drohte mir mit einigen Schlägen, irgendwann packte er mich, zog mich ins Schlafzimmer und lies mich dort allein…. ich sollte über alles nachdenken. Ich wurde in dieser Zeit im Schlafzimmer derartig wütend auf ihn, dass ich unbedingt etwas zerstören wollte. Ich traute mich nicht, die Türe zu schmeissen, das würde er hören und ich hasse es, wenn ich Ohrfeigen bekomme. Allein dass ich mich nicht traute, die Tür zuzuschlagen ärgerte mich derartig, dass ich das Zimmer unaufgefordert verlassen habe. Ich ging ins Wohnzimmer, das allerdings leer war, ich sah in die Küche und auch dort war Lukas nicht. Als ich auf den Flur trat, hörte ich ihn unter der Dusche. Ich spürte diese unglaubliche Wut im Bauch, dieses Verlangen, ihn zu ärgern – richtig zu ärgern, damit er auch wütend wurde, damit er auch genauso litt wie ich in diesem Moment, damit er mich verstand und damit er sich schlecht fühlte. Für einen Moment dachte ich daran, den Gasboiler auszustellen und ihn kalt duschen zu lassen…. Ich ging einen Schritt in die Küche, doch ich traute mich nicht. Kurz dachte ich darüber nach, den Boiler auf „heiß“ zu schalten – dann würde er unter der Dusche einen Moment lang kochen…. aber ich wollte ihn nicht ernsthaft verletzen, sondern nur meine Wut los werden.
Im Wohnzimmer hatte er eine Sammlung von Flugzeug-Modellen, andenen er sehr hing und die er sehr liebte. Ich nahm eines seiner liebsten Modelle in die Hand und tat so, als würde ich es an die Wand schmeissen – aber natürlich hielt ich es fest. Irgendwie ist in dem Moment bei mir eine Sicherung durchgebrannt…. Ich erinnerte mich daran, dass er verboten hatte, mich mit Marnie zu treffen, nur weil ich den Kühlschrank nicht abgetaut hatte. Irgendwie hatte er ja Recht, er hatte mir das mit dem Kühlschrank bestimmt 3 Wochen lang fast jeden Tag gesagt und zwei Tage vorher hatte ich es ihm in die Hand versprochen, mich um den Kühschrank zu kümmern. Dann hatte Marnie angerufen, wir hatten vier Stunden lang telefoniert und danach hatte ich keine Lust mehr, etwas zu tun. Ich verschob den Kühlschrank, bestellte eine Pizza Grande für Lukas und mich, denn auf kochen hatte ich auch keine Lust und zog mich um für den Abend, an dem Marnie und ich uns treffen wollten. Als dann Lukas nach Hause kam und ich ihm kurz die Situation erklärte, stand er eine Weile ruhig vor mir. Ich hörte ihn drei, vier mal tief ein und ausatmen. Als ich ihm dann noch sagte, er solle sich jetzt blos nicht so anstellen, drehte er sich weg, lies mich stehen und rief aus dem Wohnzimmer zurück, ich dürfe heute Abend zu Hause bleiben, mit Marnie geredet hätte ich ja schon. Daran erinnerte ich mich, als ich das Flugzeug-Modell nicht schmiss.
Ich stelle es wieder hin und trat gegen die Wand, stürmte aus dem Wohnzimmer und kam auf dem Weg ins Schlafzimmer an der Kommode in der Diele vorbei, auf der fein säuberlich Lukas Brille neben seiner Uhr lag. Ich dachte in diesem Moment nicht nach, nahm die Brille, verdrehte die beiden Gläser in entgegengesetzte Richtungen und sie brach direkt am Bügel entzwei.
Ich erschrak. Ich erschrak ganz furchtbar, das hatte ich weder gewollt, noch hatte ich das überlegt, noch wusste ich, wie ich ihm das würde erklären können. Ich legte sie erst einmal wieder hin, plazierte die Gläser so, dass man es auf den ersten Blick nicht sah und lief ins Schlafzimmer, wo ich die Tür nicht zuschmiss, sondern abschloss. Ich hatte Angst, richtige Angst vor der Reaktion von Lukas. Im Grunde konnte ich mir seine Reaktion vorstellen, doch diesmal hatte ich nicht mein Böckchen ausgetobt – wie er manchmal zu mir sagte- sondern seine Brille ruiniert. Ich überlegte, ob ich es auf die Katze würde schieben können. Wenn Ambrosius, unser Hauskater, nun auf die Kommode gesprungen wäre und sich auf der Brille ausgeruht hätte, dann hätte doch dieser doofe Bügel brechen können…. Nein, das würde mir Lukas nie glauben. Wenn ich ihm nun sagen würde, dass ich es eingesehen hätte und mich bei ihm entschuldigen wollte, und dann, auf dem Weg zu ihm, sei ich in der Diele ausgerutscht und hätte mich zufällig gerade noch an der Kommode festhalten können, wo aus versehen seine Brille lag…. das würde er mir vielleicht glauben können. Aber nur, wenn ich echte Tränen hinkriegen würde und die wollten in dem Moment nicht fließen. Wenn ich ihm nun erzählen würde, dass ich die ganze Zeit über im Schlafzimmer geblieben war, dann würde er die Brille irgendwann in die Hand nehmen und sie würde ihm auseinander fallen, dann wäre er es selbst gewesen. Ja, das war eine gute Idee… dann brauchte ich nur zu hoffen, dass ich weder rot würde, wenn er mich fragte, noch anfinge zu stottern, noch seinem Blick ausweichen würde. Ja, das würde gehen. Wenn ich ihn direkt würde ansehen können und fest behaupten im Zimmer geblieben zu sein, dann würde er entweder selbst auf Ambrosius kommen oder glauben, dass er sie zu fest angefasst habe.
Ich setze mich wieder aufs Bett und wartete. Ich hatte Angst, große Angst und ein sehr schlechtes Gewissen. Aber er zwang mich geradezu, ihn zu belügen….. Nein, das tat er nicht, aber ich wollte nicht daran Schuld sein, dass die Brille kaputt war und gleichzeitig gelogen haben.
Ich hörte ihn aus dem Bad kommen und ich hörte, wie er einen leisen Fluch ausstieß. Er hatte das mit der Brille sofort bemerkt…. ich fühlte mich ertappt. Mein Magen tat weh, ich spürte mein Herz, mein Gesicht brannte und ich fing an, zu zittern. Schnellen Schrittes kam Lukas auf das Schlafzimmer zu, Dank unseres Parkettbodens hörte ich genau, wo er sich befand. Er drückte barsch die Klinke, doch die Tür war noch verriegelt – ich hatte vergessen, sie wieder zu öffnen….
„Anneli, Tür auf. Sofort.“ Wenn er nicht einmal mehr in ganzen Sätzen mit mir sprach, dann war er ernstlich wütend. Ich zog mir die Bettdecke über den Kopf und kuschelte mich tief ins Bett…. Jetzt flossen die Tränen, völlig problemlos. Das mit Ambrosius würde er mir nie glauben und auch die Version, dass er sie selbst kaputt gemacht habe, hatte sich gerade disqualifiziert. Mir wurde klar, dass ich ihm auch nichts von einem Unfall würde erzählen können, dann hätte ich die Tür nicht abgeschlossen, sondern wäre direkt zu ihm ins Bad gekommen.
Es half nichts, mir wurde klar, dass ich aus der Situation nicht mehr heraus kam und mir nur noch blieb, ihm die Wahrheit zu sagen und die Strafe zu ertragen. Also stand ich auf und näherte mich der Tür. Er hatte nur diesen einen Satz gesagt, nicht mehr geklopft, nicht mehr die Klinke gedrückt. Ich wußte nicht mal, ob er noch direkt davor stand, ich war unter der Bettdecke verschwunden, ich hätte ihn nicht gehen hören. Zögerlich schloss ich auf und öffnete die Tür. Lukas stand direkt vor der Tür und sah mich an.
Ich wich einen Schritt zurück und unweigerlich schützten meine Hände mein Gesicht.
Er trat ein und setzte sich aufs Bett, die kaputte Brille in der Hand. Er sagte nichts, sah mich nur an. Ich trat auf ihn zu und kniete mich auf den Boden vor ihm. Ich senkte meinen Kopf und ich erzählte ihm alles. Meine Gedanken, meine Wut, die Überlegung, das Wasser heißer oder kälter zu machen, das Modellflugzeug an die Wand zu schmeissen, mein Tritt gegen die Wand und schließlich das zerbrechen seiner Brille, meine Überlegungen hinterher, es auf Ambrosius zu schieben oder auf ihn, Lukas bis schließlich hin zur abgschlossenen Tür.
Lukas sagte lange nichts. Es vergingen viele Minuten, die ich so vor ihm kniete, ich traute mich nicht, noch etwas zu sagen, oder mich zu bewegen und Lukas schwieg. Irgendwann stand er auf und ging wortlos aus dem Zimmer, schloss die Tür hinter sich und lies mich allein.
Das war grauenhaft, es war schrecklicher, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte damit gerechnet, geschlagen zu werden, bestraft, ausgeschimpft, in die Ecke gestellt…. aber er hatte gar nichts gesagt und nichts getan. Ich stand auf und ging zur Tür… sie war nicht verschlossen, aber ich wußte, dass ich jetzt nicht heraus kommen durfte. Ich ging wieder zum Bett und wartete. Es vergingen zwei Stunden, bevor ich wieder etwas hörte, ich setzte mich auf, doch er kam nicht herein. Inzwischen war es spät am Abend, ich war hungrig und ich musste zur Toilette, aber ich traute mich nicht aus dem Schlafzimmer. Ich unterdrückte das Gefühl zur Toilette zu müssen und irgendwann schlief ich vom weinen und von der Angst erschöpft ein.
Irgendwann mitten in der Nacht wachte ich auf, ich musste nun wirklich dringend zur Toilette – seine Bettseite war immer noch unberührt. Ich bekam Angst… Was hat er getan? Wo war er? Hat er mich jetzt verlassen? Hat er mich eingeschlossen? War er überhaupt noch in der Wohnung? Durfte ich aus dem Zimmer? Ich stand auf und ging zur Tür, die immer noch unverschlossen war. Leise trat ich auf den Flur und sah zur Uhr, es war nach 3 Uhr morgens, seit dem zerknicken der Brille waren 9 Stunden vergangen.
Ich lief auf Zehenspitzen zur Toilette und sah dabei in die Küche, die einsam und leer war. Auf dem Rückweg lief ich weiter bis zum Wohnzimmer. Diese Tür war verriegelt, als ich leise versuchte, sie zu öffnen, sagte Lukas von innen: „Nein, Anneli.“
Ich begann zu weinen und ging wieder zurück ins Schafzimmer. Auf der einen Seite war ich froh, dass Lukas da war, auf der anderen wollte ich mich so gerne wieder vertragen, ihm sagen wie leid es mir tat… Ich schlief irgendwann in den Morgenstunden wieder ein. Als ich erneut wach wurde war es bereits heller Vormittag und ich war allein in der Wohnung.
Im Wohnzimmer sah ich an nichts, dass Lukas dort geschlafen hatte. Das Zimmer sah sauber und völlig unberührt aus. Ich sah nach, ob Lukas seine Sachen mitgenommen hatte, doch nein, es war alles noch da. Er war bei der Arbeit, wie jeden Tag.
Als er am Abend wieder kam, trug er eine neue Brille. Er redete mit mir, nahm mich wie immer in den Arm und küsste mich zur Begrüßung. Als ich ihn auf die Brille ansprechen wollte, gebot er mir durch eine Geste zu schweigen und überging das Thema völlig. Wir kochten gemeinsam und er tat, als sei gar nichts gewesen. Mein schlechtes Gewissen wuchs und in mir entstand nicht nur das Gefühl tiefer Reue, sondern auch völliger Unsicherheit. Ich fühlte mich nicht mehr geborgen. Die gesamte Woche lang war „alles in Ordnung“. Ich hatte sogar den Kühlschrank abgetaut und gesäubert, Lukas sagte auch dazu keinen Ton, er gab keinerlei Anweisungen, schlug mich für nichts und benahm sich sehr freundlich, fröhlich und sehr aufmerksam.
Ich hätte es darauf beruhen lassen können. Ich hätte einfach darüber hinweg gehen können, genau wie Lukas. Aber ich konnte das nicht, mir ließ die Brille keine Ruhe…. und mir wurde klar, dass es nicht die Brille war, die mir keine Ruhe ließ, sondern mein Benehmen. Ich wollte ihm sagen und zeigen, dass ich wieder lieb war, dass ich es bereute, mich so reingesteigert zu haben, dass ich das nie mehr machen wollte…. Doch jedesmal, wenn ich auch nur ansatzweise das Thema anschnitt, wechselte Lukas es abrupt und gab keinerlei Raum, es erneut anzusprechen.
Ich dachte nach, was ihn stoz machen würde und ich kam auf eine Idee, wie ich ihm zeigen konnte, dass ich nicht mehr böse sein wollte.
Als er am Freitag Abend nach Hause kam, stand sein Lieblingsessen auf dem Tisch. Italienische Pasta mit Gemüsen und verschiedene Soßen, ich hatte eine Flasche seines lieblings Rotweins geöffnet und ihm bereit gestellt. Ich selbst war im Schlafzimmer, auf dem Eßtisch für Lukas hatte ich einen Brief hingelegt, in dem ich mich entschuldigte und ihn bat, mich doch endlich zu bestrafen, damit es wieder gut würde. Daneben hatte ich den von mir sehr gehassten Rohstock gelegt.
Ich kam an diesem Abend nicht aus dem Zimmer, ich hörte ihn ins Wohnzimmer gehen und irgendwann hörte ich, dass er telefonierte. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, ich wartete und dachte irgendwann, dass er nicht mehr herein käme, als spät abends der Fernseher ausging und ich ihn danach nicht herüberkommen hörte.
Doch irgendwann hörte ich seine Schritte und er stand im Schlafzimmer, ich war kurz vor dem Einschlafen gewesen. Sofort setze ich mich auf und sah ihn an. Ich sagte nichts, ich wartete ab. Er zeigte mir in einer kurzen Geste den Stock und ich reagierte sofort, sprang aus dem Bett und kniete mich vor ihn in Position. Ich rechnete mit vielleicht 20, 30 festen Schlägen, doch erst einmal geschah gar nichts. Es vergingen wieder Minuten, bis aus der plötzlichen Stille ein lautes Pfeiffen zu hören war und eine Sekunde später der Stock einmal sehr hart meinen Po traf – so hart, dass dieser eine Schlag mich zum schreien brachte und mir erste Tränen in die Augen trieb. Ich blieb in Position, weil ich dachte, es kämen mehr, doch er legte den Stock weg, nahm mich in seine Arme und hielt mich lange fest. Die ganze Woche brach aus mir heraus, die Angst um ihn, die Angst vor ihm, das eisige Schweigen, die Tage der inneren Kälte und endlich, endlich fühlte ich mich wieder geborgen und Zuhause.

sehr gefühlvoll geschrieben das kann ich nachvollziehen. Nicht bestraft zu werden ist wirkich schlimm, das hält man kaum aus
Ja eine sehr sehr nachvollziehbare Geschichte, habe ich in ähnlicher Realer Form von einer Frau schon mal berichtet gekriegt, bin angetan von deiner Geschichte.